Kyrill verschont das Siebengebirge

 

Schüler dürfen vorsorglich früher nach Hause gehen - Die Leiterinnen der Kindergärten schließen teilweise aus Angst vor dem Orkan ihre Einrichtungen

Von Katrin Janßen

 

Siebengebirge. Alles drehte sich am Donnerstag um Kyrill, den angekündigten Sturm, der in weiten Teilen Deutschlands wütete, jedoch in Bad Honnef, Unkel und Königswinter nur wenige Spuren hinterließ.

Kleinholz machen Feuerwehrleute mit ihren Kettensägen aus Bäumen,

die Sturmböen entwurzelt haben. Foto: Handt

 

Die Kettensäge ist gefragt, um die nicht ganz so schlimmen Auswirkungen

des Orkans im Siebengebirge zu beseitigen. Foto: Handt


 

 

Zwar rückten die Feuerwehren im Siebengebirge am späten Nachmittag und am Abend mehrfach aus, um Äste von den Straßen zu entfernen oder kleinere abgeknickte Bäume zu zersägen. Der befürchtete Orkan verschonte insgesamt jedoch die Orte rund um den Drachenfels. Kyrill entpuppte sich dort als etwas stärkerer Wind.

Die Befürchtungen im Vorfeld waren jedoch groß. Die Einsatzkräfte im gesamten Rhein-Sieg-Kreis waren in Alarmbereitschaft, in der Kreisverwaltung tagte gar ein Krisenstab. Auch das Schulamt des Rhein-Sieg-Kreises hatte - nachdem zahlreiche Anfragen besorgter Eltern eingegangen waren - am Morgen alle Ordnungsämter und Schulen der Städte und Gemeinden in seinem Zuständigkeitsbereich darüber informiert, dass grundsätzlich Unterricht stattfinden solle, die jeweiligen Schulleiter aber in eigener Zuständigkeit und Verantwortung entscheiden könnten, ob und wann "schulfrei" zu geben sei.

Die Leitungen der weiterführenden Schulen in Königswinter, Bad Honnef und dem Kreis Neuwied entschieden fast alle gleich: Sie beendeten am Donnerstag nach der vierten oder fünften Stunde den Unterricht, obwohl der Orkan erst für den späten Nachmittag avisiert war - und dann gottlob in der befürchteten Dimension ausblieb.

Im Oberpleiser Schulzentrum hatten sich die Direktoren abgesprochen, berichtete beispielsweise Käthemarie Gundelach von der Realschule. Zwar habe es kein offizielles Schreiben von der Bezirksregierung gegeben, aber "wir haben uns kundig gemacht. Und wenn Gefahr im Verzug ist, dann muss die Schulleitung handeln." Also habe man Rücksprache mit der Stadt genommen und die notwendigen Schulbusse organisiert.

Selbstverständlich war aber auch: Kinder, die nicht nach Hause konnten, weil sie keinen Schüssel haben und deren Eltern nicht zu Hause waren, durften natürlich bleiben und wurden betreut. Das Siebengebirgsgymnasium schloss nach der fünften Stunde und zeigte sich ebenso wie die Regionale Schule Unkel erleichtert darüber, dass sich die Busunternehmen entgegenkommend zeigten, und die Schüler somit auch außerhalb der üblichen Zeiten eine sichere Transportmöglichkeit nach Hause hatten.

Auch in der Jugenddorf-Christophorusschule war um 11.20 Uhr Schluss. Zahlreiche Eltern hatten zuvor im Sekretariat angerufen und sich besorgt geäußert. Das Silentium und die AGs am Nachmittag fielen aus. Ein Fußballturnier für die Sekundarstufe 1 in der Sporthalle musste abgebrochen werden.

Die Grundschulen hingegen blieben oftmals geöffnet. "Wenn besorgte Eltern ihre Kinder abholen wollten, dann durften sie das selbstverständlich", so eine Sprecherin der Grundschule "Am Reichenberg" in Bad Honnef. "Ansonsten ist eine Betreuung der Kinder gewährleistet, auch im Bereich der offenen Ganztagsschule." Gleiches galt auch für die Grundschule in Oberpleis.

Die Eltern von Kindergartenkindern erhielten dagegen in einzelnen Fällen einen Anruf, in dem sie gebeten wurden, ihre Kinder abzuholen. So schlossen die katholischen Kindergärten in Bad Honnef ihre Pforten bereits um 13 Uhr. "Wir waren sehr froh, dass alle Kinder sicher nach Hause kamen", so Eva Schmitz, Leiterin des Marien-Kindergartens in Rhöndorf. Der Parkkindergarten Hagerhof hingegen blieb regulär geöffnet. Leiterin Nora Grohe: "Allerdings sind wir mit den Kindern zur Sicherheit nicht ins Freie gegangen."

Entwurzelte Bäume gab es einige, herabstürzende Dachziegel wurden aber im Siebengebirge ebenso wenig gemeldet wie Hochwasser in Bächen infolge des ebenfalls erwarteten Dauerregens, Überflutungen von Straßen oder Erdrutsche. Bis Redaktionsschluss waren die Wehren im Kreis rund 500 Mal im Einsatz. In erster Linie rückten die Wehrmänner mit den Kettensägen aus, um Bäume zu zerlegen, die umgeknickt waren, oder eine Bedrohung darstellten. "Kyrill" war im Siebengebirge harmloser als vorhergesagt.

(19.01.2007)

 

Quelle:  General-Anzeiger Bonn

 

 

 

Am Abend schlägt Tief Kyrill zu

 

Feuerwehr, Polizei, Rettungskräfte und technische Helfer sind bis in die Nacht im Dauereinsatz - Windböen mähen unzählige Bäume um - Ein leicht verletzter Lkw-Fahrer - Autos und Häuser beschädigt

 

Von Klaus Elsen und Jörg Manhold

 

Rhein-Sieg-Kreis. Der schwere Orkan kam langsam, aber gewaltig. So dramatisch die Sturmwarnung für die Region Rhein-Sieg war, so gemächlich zog das Tiefdruckgebiet "Kyrill" (zu Deutsch: der Herrliche) zunächst auf.

 

Entwurzelt: Umgestürzte Bäume, wie hier in Troisdorf, haben im ganzen

Kreis schwere Schäden angerichtet. Foto: Eisner

 

Eine Orkanböe hat diesen Lastzug auf der B 8 bei Lichtenberg umstürzen lassen. Der mit Styroporplatten beladene Transporter ist auf die Seite gekippt, der Fahrer wurde leicht verletzt. Foto: Arndt

 

Etliche Straßen sind teilweise bis in den Morgen für den Verkehr gesperrt, weil sie durch umgefallene Bäume unpassierbar geworden sind. Auch die Mondorfer Straße in Rheidt ist dicht. Foto: Vogel

 

Bis 18 Uhr zählte die Feuer- und Rettungsleitstelle des Kreises 71 Einsätze, zumeist ging es um umgestürzte Bäume. Doch dann nahm die Windstärke schlagartig zu. Die Hilfskräfte inklusive Technischem Hilfswerk Siegburg waren im Dauereinsatz.

Ganze Waldstücke mähte der Sturm um, Dächer wurden abgedeckt, Bäume zerstörten Dächer, Strommasten fielen um, Ampeln wurden umgerissen. Um 19.21 Uhr verzeichnete eine Siegburger Messstelle eine Böe von 114 Stundenkilometern. Das ist Windstärke elf.

Am Flughafen Köln/Bonn wurden 130 Stundenkilometer verzeichnet. Der Wetterscheitelpunkt war um 21 Uhr erreicht. Dank Ankündigung der Wetterlage hatten sich die Hilfskräfte vorbereiten können. So standen am Donnerstag Feuerwehr, Rettungsdienste, Technisches Hilfswerk, Bauhofmitarbeiter und Polizei seit dem Morgen Gewehr bei Fuß. Auch die Freiwilligen Feuerwehren waren in Alarmbereitschaft.

Der Krisenstab des Rhein-Sieg-Kreises trat zusammen. Die Polizisten hatten sich wetterfeste Kleidung bereitgelegt. Die Schulkindern hatten Grund sich zu freuen, denn das Schulministerium stellte es den Schulleitern frei, die Kinder nach der vierten Stunde nach Hause zu schicken. Das war eine Herausforderung für die Rhein-Sieg-Verkehrsgesellschaft.

Sie schickte alle Busse, die sie mobilisieren konnte inklusive 35 Zusatzbussen, zu den Schulzentren. Am Flugplatz Hangelar herrschte Flaute im Flugbetrieb. Lediglich eine Flugbewegung verzeichnete Betriebsleiter Jürgen Unterberg. Ein Flieger war am Morgen vom Köln-Bonner Flughafen herrüber gekommen, um im Hangar Zuflucht zu finden. Rund 30 Flugzeuge standen noch im Freien, waren aber mit je vier Bodenankern und Leinen festgemacht.

Ab Nachmittag mussten die Helfer der Feuerwehren dann immer wieder ausrücken, um Bäume, die auf die Fahrbahn gestürzt waren, zu zerlegen und an die Seite zu legen. Schwerpunkt war der östliche Rhein-Sieg-Kreis. Die Siegtalstraße bei Windeck (L 333) wurde gesperrt, weil etliche Bäume umgestürzt waren.

Ebenfalls dicht waren die Bröltalstraße in Ruppichteroth, die B 56 zwischen Pohlhausen und Seelscheid, die Aggertalstraße zwischen Wahlscheid und Honrath, die B 8 bei Lichtenberg und die Pleistalstraße zwischen Niederpleis und Birlinghoven. Auch kleinere Strecken waren zeitweise gesperrt. Altenrath war lange komplett von der Außenwelt abgeschnitten, weil kein Durchkommen mehr war.

In Bruchhausen kam ein Auto nicht mehr weiter, weil Bäume vor und hinter ihm umgefallen waren. Etliche Baustellenabsperrungen stürzten um und Plakatwände wurden abgerissen. Ein Lastzug stürzte in Hennef-Lichtenberg um. Zum Teil kamen die Hilfskräfte selbst nicht weiter.

Eine größeren Stromunterbrechung meldeten die RWE. Eine 10 000-Volt-Leitung die aus der Umspannanlage Hennef-Geisbach mehrere umliegende Orte versorgt, wurde um 14.15 Uhr von einem Bau getroffen. 28 Trafostationen fielen aus. Nach gut einer Stunde war an den meisten Stellen der Strom wieder da. Aber auch später kam es an anderen Stellen immer wieder zu Stromausfällen.

Unter anderem in Lohmar-Krahwinkel und wiederum in Hennef. Ab 17.15 Uhr stellte die Deutsche Bahn alle Zugverbindungen des Nah- und Fernverkehres inklusive S-Bahnen bis zum Ende des Sturmes bis auf wenige Ausnahmen ein. Im Siegburger ICE-Bahnhof strandeten etliche Fahrgäste und DB-Service-Mitarbeiter Martin Ebelhäuser hatte alle Hände voll zu tun, den Bahnkunden die Lage zu erklären.

So war Brigitta Lindemann aus Hennef mit ihrer Tochter Marie und deren Freundin Sophia Wessling unterwegs zum Ballettbesuch in Köln. "Der Zug fuhr sehr langsam und wurde immer wieder durchgeschüttelt, da haben wir uns entschlossen umzukehren", sagte die Mutter.

Sie wartete auf den einzigen Zug, der noch sporadisch zwischen Hennef und Siegburg verkehrte. Für Saida Benariba war die Fahrt vom Arbeitsplatz in Duisdorf nach Windeck-Au in Siegburg zuende. Sie genoss den Gratis-Kaffee der Bahn und überlegte sich - ebenso wie viele andere - in Siegburg ein Hotelzimmer zu nehmen.

Der heftige Regen, der am Mittwochabend einsetzte, hat Sieg und Agger über Nacht deutlich anschwellen lassen. Die Pegel der Sieg stiegen von Mittwoch 18 Uhr bis Donnerstag 18 Uhr in Eitorf von einem Meter auf 3,05 Meter, in Kaldauen von 1,20 auf 3,10 Meter und in Menden von einem Meter auf 2,95 Meter. In 24 Stunden waren im Kreis zwischen 20 und 35 Liter Regen pro Quadratmeter niedergegangen.

Die Pegelstände dürften auch am Freitag noch weiter steigen, weil im Siegerland und im Sauerland seit Mittwoch mehr als 60 Liter Regen pro Quadratmeter nieder gegangen sind. Bei Redaktionsschluss war der Sturm noch im vollen Gange, einen endgültigen Überblick über Schäden und Verletzte gab es noch nicht. Die vorläufige Bilanz: Rund 500 Einsätze, ein leicht verletzter Lkw-Fahrer in Hennef-Lichtenberg.

(19.01.2007)

 

Quelle:  General-Anzeiger Bonn